Warum in die Ferne schweifen?

In vielen Städten ist Wohnraum knapp und teuer. Zugleich verliert das Reisen an Selbstverständlichkeit. Die freie Zeit wird immer öfter zu Hause verbracht – nicht aus Verzicht, sondern aus Vernunft, Überzeugung oder schlicht, weil es näher liegt.

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Gemeinschaftsterrasse mit Blick über die Elbe auf dem Dach des Baugruppenhauses Heimatmole.

Foto zillerplus

Damit rückt das Zuhause stärker in den Fokus: Welche Qualitäten braucht das Wohnen, wenn es mehr leisten soll als die alltägliche Funktion – wenn es auch Erholung, Abwechslung und Lebensraum bieten soll? „Staycation“ nennt man das heute, doch hinter diesem Begriff steht eine ernsthafte Frage, die uns als Architekturbüro täglich beschäftigt: Wie muss ein Zuhause beschaffen sein, damit es nicht nur bewohnt, sondern erlebt werden kann?

Zuhause als Ressource

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Die raumhaltige Grünfassade auf der Gartenseite erweitert die Wohnflächen nach draußen wie ein zusätzliches "Grünes Zimmer". Das Gebäudegrün verbessert das Mikroklima, bietet Verschattung und Windschutz und trägt zum sommerlichen Wärmeschutz bei.

Foto Florian Holzherr

Die Erfahrungen der Pandemie haben unser Verhältnis zum Wohnen grundlegend verändert. Räume, die zuvor nur punktuell genutzt wurden, mussten plötzlich dauerhaft mehrere Funktionen zugleich erfüllen. Arbeit, Freizeit, Rückzug und soziale Interaktion verschränkten sich im selben räumlichen Rahmen. Auch nach der akuten Phase hat sich diese Vielschichtigkeit erhalten – nicht nur durch Homeoffice-Regelungen, sondern auch durch ein verändertes Lebensgefühl. In dieser Gleichzeitigkeit wächst der Anspruch an den Wohnraum – sowohl funktional als auch atmosphärisch. Eine Wohnung, die früher abends als Rückzugsort diente, ist heute der Lebensmittelpunkt. Damit verändert sich auch der architektonische Maßstab: Zonierung, Belichtung, Übergänge und Materialität rücken stärker ins Zentrum. Wir verstehen Wohnraum nicht nur als physisches Volumen, sondern als Ressource, die präzise gestaltet und vielseitig nutzbar sein muss. Für uns entsteht Wohnqualität aus Grundrissen, die wandelbar sind, aus Details, die den Alltag erleichtern, und aus Raumgefügen, die Dauer zulassen, ohne Enge zu erzeugen. Nicht alles muss sichtbar sein, aber alles spürbar.

Das Quartier mitdenken

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Genossenschaftliches Quartier in Grünwald, 14 Einzelhäuser gruppieren sich auf einem parkartigen Grundstück um drei gemeinschaftliche Höfe.

Foto Florian Holzherr

Wer das eigene Zuhause als Lebensort begreift, stellt andere Anforderungen: an Grundrisse, an Nachbarschaften, an die Stadt. Für uns endet Wohnen nicht an der Wohnungstür, sondern setzt sich im Hof, im Quartier und im öffentlichen Raum fort. Gerade in verdichteten Lagen ist die Qualität des Umfelds entscheidend: kurze Wege, nutzbare Freiräume, offene Erdgeschosszonen. Es sind oft die Orte wie eine Bank im Schatten, ein belebter Hof oder ein geteilter Garten, die die alltägliche Lebensqualität spürbar machen. Wir planen Gemeinschaftshöfe, geteilte Gärten, zugängliche Dachflächen und Wegenetze, die nicht nur verbinden, sondern auch Aufenthalte ermöglichen.

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Neubau eines urbanen Holzbaus in München-Schwabing mit gemeinschaftlich genutzten Aufenthaltsbereichen mit Hochbeeten für „urban gardening“, Kinderspielbereiche und Abstellplätze für Fahrräder im Hof.

Foto Benjamin Antony Monn

Konzepte, die mit dem Leben mitgehen

In unserer Arbeit entwerfen wir Wohnstrukturen, die sich an verändernde Lebensrealitäten anpassen – im Lebenslauf des Einzelnen ebenso wie in gesellschaftlichen Entwicklungen. Nicht durch Offenheit um der Offenheit willen, sondern durch klare Setzungen, die vielfältige Nutzungen ermöglichen, ohne räumliche Qualität zu verlieren. Dazu gehören Grundrisse mit schaltbaren Räumen, die temporär als Arbeitszimmer, Kinderzimmer oder Rückzugsort genutzt werden können. Ebenso setzen wir auf gemeinschaftlich genutzte Räume, wie Gästezimmer, Werkstätten oder Dachterrassen, die nicht jeder individuell vorhalten muss. Die Entlastung des Privaten durch kluge gemeinschaftliche Angebote erhöht die Wohnqualität, nicht durch mehr Fläche, sondern durch besser genutzte.

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Der Heimatclub ist der zentrale Begegnungsort im Baugruppenhaus. Ein großer Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile, der zum Zusammenkommen genutzt wird und Platz für Feste, Yoga und viele andere Anlässe bietet.

Foto Hartmut Nägele

Diese Typologien verstehen wir nicht als Speziallösungen, sondern als integralen Bestandteil unserer architektonischen Haltung: Vielfalt in der Nutzung, Klarheit in der Struktur. So entstehen Raumkonzepte, die dauerhaft tragfähig bleiben, weil sie sich mit dem Leben verändern können.

Architektur kann solche Qualitäten stiften – nicht durch Inszenierung, sondern durch Substanz. Mit Konzepten, die wandelbar sind. Mit Räumen, die mit dem Leben mitgehen. Und mit Stadtbausteinen, die nicht abschließen, sondern verbinden. Für das Naheliegende. Für das, was trägt. Dafür entwerfen wir.

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Die Wohnungen sind auf wandelbare Lebenskonzepte ausgelegt. Flexible Schalträume zwischen den Einheiten können zugeschaltet oder eigenständig genutzt werden und werden gemeinschaftlich regelmäßig neu verteilt.

Foto zillerplus