Planen im Sinne der Gemeinschaft | Michael Ziller im Interview
19. November 2025

Foto Manu Theobald / Carlisle
Wie können in Zeiten von Klimakrise, Wohnraummangel und wachsender Komplexität Wohnungen entstehen, die mehr sind als private Rückzugsräume? Darüber hat Michael Ziller mit Robert Uhde gesprochen.
Das ganze Interview zum Nachzulesen im Architektenmagazin von Carlisle CM Europe in der aktuellen BLACKPRINT DIGITAL Ausgabe 03.
Drei Aspekte aus dem Gespräch findet ihr hier unten als Auszug:
Robert Uhde
Bei vielen Ihrer Projekte arbeiten Sie mit Baugruppen und genossenschaftlichen Auftraggebern zusammen. Was reizt Sie daran und welche Chancen sehen Sie in dieser Zusammenarbeit?
Michael Ziller
Das hängt sicher auch damit zusammen, wie man selbst wohnen möchte. Und wenn ich das ernst nehme, dann komme ich fast zwangsläufig zu einer stärkeren Funktionsmischung und zu gemeinschaftlichen Konzepten. Diese Haltung lässt sich auch und gerade auf genossenschaftlichen oder gemeinschaftlichen Wohnungsbau übertragen. Solche Projekte haben meist eine größere inhaltliche Tiefe, weil sie von echtem Bedarf und dem Engagement der zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner getragen sind. So können Wohnformen entstehen, die langfristig funktionieren – sozial, wirtschaftlich und ökologisch.
RU
Parallel dazu spielt auch das Thema Bauen im Bestand eine wichtige Rolle bei Ihnen. Wie gehen Sie solche Projekte an und welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit dabei?
MZ
Für uns ist es bei einem neuen Projekt immer ganz entscheidend, zunächst den Kontext zu verstehen, in dem wir bauen und dabei auch die Menschen mit einzubeziehen, die den betreffenden Ort nutzen und beleben. Insofern lässt sich selbst die „Heimatmole“ als „Bauen im Bestand“ begreifen. Ausgehend von einem solchen Verständnis für den jeweiligen Ort können wir dann mit der eigentlichen Arbeit des Entwerfens beginnen und die richtigen Weichen für die angestrebte Nutzung stellen. Der Aspekt „Nachhaltigkeit“ ergibt sich dann ganz selbstverständlich als Ergebnis eines solchen Prozesses.
RU
Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Fragen werden die Architektur in den kommenden Jahren prägen? Und wie kann sich die Architektur nachhaltiger aufstellen?
MZ
Gerade in Zeiten des Umbruchs zeigt sich, wie entscheidend eine ganzheitliche, prozesshafte Denkweise ist, die soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen gleichermaßen mit einbezieht. Statt wie in den 1970er-Jahren auf schnelle Stadterweiterungen zu setzen, sollten wir aus diesen Erfahrungen lernen und heute bewusst langfristig und zugleich flexibel planen. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass Architektur immer eine gewisse Trägheit in sich birgt: Was wir heute bauen, soll idealerweise noch in hundert Jahren Bestand haben, um dann vielleicht erneut angepasst zu werden. Diese Balance zwischen Beständigkeit und Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Veränderungen wird aus meiner Sicht die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre sein. Das erfordert sehr lange und vorausschauende politische Entscheidungsprozesse. Häufig spüren wir allerdings, dass das Verlassen ausgetretener Pfade zunächst verunsichert oder sogar Angst auslöst. Umso wichtiger ist es, das Thema Change Management mitzudenken: Wir müssen sichtbar machen, welche Verbesserungen durch Veränderung möglich sind. Genau daraus möchten wir eine positive Erzählung entwickeln – eine Erzählung, die Mut macht und Lust auf Neues weckt!